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Die erträgliche Leichtigkeit des Seins

Einige werden das Buch von Milan Kundera kennen, “Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins”. Zuerst darf nicht unerwähnt bleiben, dass ich diesen Roman für großartig halte, wie viele andere Menschen auch. Er hat mich zum Nachdenken gebracht. Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins also.

Unsere Existenz auf Erden ist zeitlich begrenzt. Wir können uns unser Leben auf einem Zeitstrahl vorstellen, mit klarem Anfangspunkt, unserer Geburt, und klarem Endpunkt, unserem Tod. Alles dazwischen ist unser Leben. Es liegt an uns es zu füllen und dem widmen wir uns 24/7, jeder auf seine Art, ein echter Full-Time Job.

Wenn wir unser Leben so dahin leben, Tag für Tag, sind wir richtig im Film. Wir machen, was von uns verlangt wird, kommen unseren Pflichten nach, gehen arbeiten, ärgern uns über in unseren Augen Unzulänglichkeiten anderer Menschen, essen, trinken, gehen schlafen. Unser Leben ist unser Kosmos. Unsere kleine Welt, mehr haben wir nicht, es ist alles, in dem wir existieren. Wir sind so sehr in dem Film unseres Lebens drin, dass natürlich alles darin vorkommende von unfassbarem Wert und von enormer Wichtigkeit für uns ist. Es gibt eine Vielzahl an Dingen in unserem Leben, die wir schrecklich ernst nehmen, wie unsere Karriere, unseren Mietvertrag, unseren Partner oder unser geplantes Abendessen. Das Leben bietet uns eine beachtliche Zahl an kleinen, täglichen Konflikten, ob in uns selbst oder mit unserer Außenwelt. Wir nehmen uns selbst und unser Leben so schrecklich ernst. Es schwebt immer eine gewisse Schwere darüber. Die Schwere unseres Seins.

Und dann gibt es Tage, an denen ich innehalte. Meine Gedanken abschweifen, aber nicht, zu Erinnerungen des letzten Urlaubs oder der Rechnung, die ich vergessen habe, zu überweisen. Sie schweifen noch viel weiter, viel höher. Bis meine Gedanken irgendwo ganz weit oben sind, wo ich sie gar nicht mehr so richtig zu fassen bekommen. Ich blicke auf den Zeitstrahl meines Lebens. Wenn ich durch die beleuchteten Fenster des Nachbarhauses in der Dämmerung sehe, stelle ich mir den Zeitstrahl des Lebens der Menschen vor, mit denen ich Tür an Tür wohne. Sie alle haben diese einzigartige Schwere des Seins in ihren Köpfen. Von unserem, naturgegebenen egozentrischen Standpunkt, können wir gar nichts anderes, als diese Schwere über uns Schweben lassen. Dabei, und hier halte ich es wie Herr Kundera, ist Schwere doch eigentlich ein Wort, dass wir mit etwas negativem konnotieren. Schwer ist schlecht, leicht ist gut. Schweres Körpergewicht ist doof, schwere Arbeit ist doof, schwere Situationen sind doof, schwere Matheaufgaben sind doof. Die leichten Äquivalente gefallen uns doch viel besser.

Und dann sind meine Gedanken also irgendwo ganz weit weg, schlaue Menschen würden sagen, sie befinden sich auf einer Metaebene. Und dann fällt irgendwann auf, dass diese Schwere künstlich von unserem egozentrischen Denken geschaffen wurde. Denn, sind wir mal ehrlich, unser Lebenszeitstrahl ist so lächerlich kurz im Verhältnis zu anderen Zeiträumen unseres Planeten. Wenn wir Menschen von 80 oder 90 Jahren sprechen, ist das die größte Zeitvorstellung, die wir haben können. Alles andere übersteigt schon fast unsere Lebensdimension. Aber gut, dass das Leben kurz ist lesen wir mittlerweile ja auf jedem Frühstücksbrettchen. Das ist nicht der Kern meiner Gedanken. Für uns ist unser Leben lang, die längste Zeit die wir kennen und alles, was darin passiert, alles was wir tun, natürlich von enormer Wichtigkeit, von enormer Schwere. Doch die Realität sieht eigentlich anders aus. Unser Leben ist unerträglich leicht.

Es wird in 2000 Jahren niemanden mehr interessieren, was ich in meinem Leben getan habe, wie ich es verbracht habe. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird es das auch schon in 200, 100, 50 oder 20 Jahren nach Ende meines Zeitstrahles nicht mehr. Unser Leben passiert nur ein einziges Mal und das für eine, in Universumsverhältnissen, sogar sehr kurzen Zeit. Die Schwere, die wir diesem kurzen Zeitabschnitt aufbürden, die existiert nur in unseren Köpfen. Es gibt tatsächlich Momente im Alltag, in denen, bereits bevor Kunderas Roman mich in seinen Bann gezogen hat, ich darüber nachdenke. Anstatt mich an dieser neu gewonnen Erkenntnis, dass die Schwere eigentlich nur ein künstliches Konstrukt ist, zu erfreuen, bereitet sie mir eher Bauchschmerzen. Die Frage liegt dann nämlich nahe, wozu? Wozu denn das ganze, wenn unser Dasein eigentlich so bedeutungslos ist? Wenn es nur ein Spiel ist, dessen Siegerehrung sich hinterher doch niemand mehr ansieht? Es stellt sich dann wohl die unerträgliche Leichtigkeit des Seins ein.

Doch genau in dieser unerträglichen Leichtigkeit des Seins liegt unsere große Chance. Die Chance, aus diesem Leben ein Freundschaftsspiel zu machen, in denen wir die wildesten Tricks ausprobieren, alles auf eine Karte setzen, weil hier selbst ein Scheitern, ein Verlieren unbedeutend ist. Die Leichtigkeit des Lebens ist unsere Chance. Unsere Chance, verrückt zu sein, anders zu sein, unseren wirren Gedanken zu folgen, wir selbst zu sein und das Leben zu feiern. Wir müssen unseren Träumen auf diesem kurzen Zeitstrahl nachjagen, uns nicht mit weniger zufrieden geben, als dem, was unser Herz springen lässt. Wir müssen genießen, lachen und vor allem lieben. Dann liegt nicht mehr die unerträgliche Leichtigkeit des Seins auf unseren Schulter und auch nicht die erdrückende Schwere des Seins. Dann ist da nur noch die angenehme Leichtigkeit des Seins, die wir Huckepack nehmen und die vergnügt ihre Hände in den Himmel wirft.

„Die Quelle der Angst liegt in der Zukunft, und wer von der Zukunft befreit ist, hat nichts zu befürchten.“ — Milan Kundera

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