Telefon mit Kabel
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Von Wiedersehen, die nicht stattfinden.

Es ist noch gar nicht allzu lange her. Oder doch? Relativ. Dadurch, dass dieses Jahr jedoch ohnehin in Sekundenschnelle an mir vorbei gezogen zu sein scheint, ist es vielleicht nicht so lange her. Das Gefühl ist in mir ist heute jedenfalls noch so präsent als wäre es gestern gewesen.

Monatelang habe ich gewartet. Unzählige Bestellungen beim Universum getätigt, so viel Hoffnung auf Kredit aufgenommen, dass ihn bis an mein Lebensende nicht zurückzahlen kann.

Und dann, sechs Monate später, kam der Tag. Sechs Monate nachdem du einfach wortlos aus meinem Leben verschwunden bist, nachdem du es so sehr auf den Kopf gestellt hast. Du, mit deinen schwarzen Haaren, deinen braunen Augen und deiner Art, die so anders als all das Andere war.

Als ich dein kleines Bild auf meinem kleinen Bildschirm gesehen habe, habe ich mich so erschrocken, dass ich mein Handy erst einmal weglegen musste. Zigarette(n). Deine Worte konnte ich erst einige Stunden später lesen. Ich brauchte einige Stunden, um verwirrt durch meine Wohnung zu rennen und ein bisschen an die Wand zu starren.

 

Natürlich. Vom heutigen Standpunkt betrachtet kann ich deinen damaligen Worten nichts mehr abgewinnen. Als wären sie nur mit einer besonderen Brille zu lesen gewesen, die ich längst nicht mehr finden kann. Doch damals, damals waren sie genau das, worauf ich gewartet habe. Sechs Monate. Jede Woche. Jeden Tag. Jede Minute.

Sechs Monate, in denen kein Tag vergangen ist, an dem ich nicht an dich gedacht habe. An dem ich mich nicht gefragt habe, wo du bist und vor allem mit wem. Ob es dir gut geht. Und, ob du manchmal vor einem Gin Tonic sitzt und ich für Sekundenbruchteile deine Gedanken streife. Ich habe für dich so viele Tränen vergossen, die ich danach nutzen musste, um die ganze Schweinerei, die du in mir angerichtet hast, wieder aufzuwischen.

Du bist wieder da. Du bist wieder nah. Du bist es wieder. Endlich kannst du mir die Antworten auf die Fragen geben, die Tag für Tag quälend gegen die Innenseite meines Kopfes gepocht haben. Doch als wir uns dann sehen, spielen sie kaum noch eine Rolle. Die Antworten auf die Fragen sind nicht mehr wichtig. Ich nehme sie zwar an, doch es ist egal, was du sagst. Du bist wieder da. Endlich.

Ein Fehler. Ich hätte deine Antworten nicht nur annehmen, sondern mikroskopisch sezieren, ihre Substanz erforschen und sie in eine Petrischale legen sollen, um zu schauen, welcher Schimmelpilz daraus wächst. Dann hätte ich vielleicht gemerkt, dass du zwar wieder da bist, aber ich nicht mehr. Dass nicht das, was vor sechs Monaten gewesen ist, wichtig war, sondern die sechs Monate selbst. Denn: Auch diesmal waren deine Worte nichts anderes als Euphemismen für die Realität, die ich nicht sehen wollte. Für dein reales Ich, das mir bis dahin unbekannt war. Das sich nur in diesen sechs Monaten deiner Abwesenheit hat erahnen lassen.

Du wusstest, wie sehr du mich angezogen hast. Du wusstest, was du sagen musst, damit ich einige Stunden später wieder auf deiner Couch sitze. Ich wollte so sehr das große Happy End, den Plot Twist, das kleine Wunder. Stattdessen hat mir nur wenige Tage danach die Realität mit einem Hammer auf den Kopf gehauen. Zack, Platzwunde.

Ich habe mich damals dazu entschlossen, die Wunde ohne ein großes Tamtam in Eigenregie zuzunähen. Natürlich gab es Tage, an denen die Narbe noch geschmerzt hat. Vielleicht ist sie ab und zu sogar aufgeplatzt und hat ein wenig Misstrauen und Hoffnungslosigkeit geblutet. Doch sie heilt. Nicht perfekt, aber solide.

Und jetzt. Jetzt sind erneut rund sechs Monate vergangen. Es gab nur noch ganz seltene Momente, in denen ich in meinen archivierten Chats unterwegs war und an deinem Bild kurz innegehalten habe. Ich habe dir nichts mehr zu sagen. Endlich sind da keine Worte mehr, die ich dir widmen will. Es gibt gar nichts mehr, was ich dir widmen will, keinen kleinsten Energiefunken mehr, keine Sekunde meiner Zeit. Du hast mir alles gezeigt, was ich wissen muss, auch, wenn deine Worte bis zum Schluss Gegenteiliges beweisen wollten.

Da ist es. Da ist plötzlich dein Bild. Nicht in den archivierten Chats, sondern auf meinem Startbildschirm. Da sind die gleichen Worte, nur in einer anderen, beliebigen Reihenfolge, die ich so oft von dir gelesen habe. Da ist der Versuch, die Maske des Menschen aufzusetzen, den ich vor genau einem Jahr kennengelernt habe. Aber – deine Maske hat Risse bekommen. Mehr als das. Sie hängt nur noch in Fetzen von deinem Gesicht herunter, sodass ich sie gar nicht mehr erkennen kann.

Ich erkenne nur dein echtes Gesicht. Das Gesicht, das ich nicht mehr in meinem Leben haben will. Das mir unheimlich weh getan und mein Vertrauen missbraucht hat. Das mir gezeigt hat, dass man vorsichtig mit seinen Wünschen sein sollte.

Oder – übertreibe ich einfach nur? Liegt zwischen uns einfach nur ein Missverständnis vor und dein Charakter ist in Wahrheit gar nicht so abstoßend und bemitleidenswert, wie ich ihn mir in den letzten Monaten ausgemalt habe? Haben wir unsere Verbindung einfach von völlig unterschiedlichen Perspektiven wahrgenommen? Verfügst du einfach nicht über die nötige Empathie, um zu erkennen, dass du mich nicht gut behandelt hast?

Das sind wohl die einzigen Fragen, die heute noch in meinem Kopf sind. Diesmal bin ich still geblieben. Daran, dass mein Kontingent an Worten an dich aufgebraucht ist, scheint sich nichts geändert zu haben. Doch ein paar Gedanken, die habe ich noch. Kostenloses Nachfüllen.

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