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Das Echte – Eine vergebliche Suche?

Das Dating hat sich im Laufe der vergangenen Jahre verändert. Oder haben die Menschen sich vielleicht verändert, und nicht das Dating selbst? Ich kann diese Frage nicht eindeutig beantworten. Klar ist jedoch, dass es heute anders ist. Anders als damals und keinesfalls besser.

Die Suche nach dem Echten. Nach echter Zuneigung, echtem Interesse und einer echten Verbindung – sie scheint heutzutage von Beginn an zum Scheitern verurteilt zu sein. Die Liebe steht im Schatten der Digitalisierung. Im Schatten der Schnelllebigkeit, der unüberschaubaren Auswahl, den unendlichen Möglichkeiten. Im Schatten des eigenen Egos.

Egoland, hier sind wir. Im Dating steht heute nicht mehr das jeweilige Gegenüber im Fokus, sondern vielmehr das eigene Ich. Die eigenen Bedürfnisse. Der eigene Vorteil. Sich selbst besser fühlen durch einen anderen Menschen, unabhängig davon, wie seine Bedürfnisse sich auch gestalten mögen. Und ob er sich vielleicht einfach beschissen dabei fühlt.

Du hast es beispielsweise knapp zwei Wochen geschafft. Du konntest mit circa 14 Tage lang den Eindruck vermitteln, dass du mich wirklich kennenlernen möchtest. Dass ich dein ehrliches Interesse geweckt habe. Dass es nicht um Oberflächlichkeiten, sondern um Tiefe geht. Doch dann bist du so schnell aufgetaucht, dass ich mich heute noch immer Frage, wie du wohl den dröhnenden Druck auf deinen Ohren aushalten konntest.

Aber es bist ja längst nicht nur du. Kann ich dir überhaupt einen Vorwurf machen? Oder muss ich mich vom allgemeinen Weltschmerz getrieben bei der Gesellschaft beschweren? Bei dem Erfinder der sozialen Medien, von Tinder oder gar dem Smartphone? Jeder neue Nervenkitzel, jede neue Streicheleinheit für das Ego ist schließlich nur noch ein Klick entfernt. Ein einzelner Mensch scheint den damit verbundenen Kick längst nicht mehr auslösen zu können. Egal, wie sehr er sich dafür auch anstrengen mag. Die Filter reichen im echten Leben nicht aus, um Feuer-Reactions zu erzielen.

Ich fühle mich wie in einem Teufelskreis gefangen. Meine Erfahrungen der vergangenen Jahre haben ihre Spuren hinterlassen, in den Datenmengen auf meinem Smartphone und vor allem in meinem Herzen. So sehr, dass ich der Hoffnung, dass sich die zukünftigen Erfahrungen von den vergangenen Erfahrungen endlich unterscheiden werden, nur noch von Weitem zuwinken kann. Sie nickt nur noch und presst ihre Mundwinkel zusammen.

Egal, wie schön die Worte auch sein mögen, wie sehr ich die berühmte Connection auf fühlen mag und egal, wie sehr ich es mir wünschen würde – es ist nicht echt. Wieder nicht. Es ist ein kurzer Rausch, die Jagd, ein oberflächliches Streifen. Ist die Beute erlegt und möchte sich nicht länger wehren, ist sie nutzlos. Sie ist nicht mehr in der Lage, den gleichen Ego-Boost auszulösen, wie vielleicht noch vor einigen Wochen, Tagen oder Stunden. Und schon wird das nächste Objekt der Begierde ins Auge gefasst, unabhängig davon, ob die letzte Beute vielleicht noch immer leicht zuckend und verstört auf dem Boden liegt.

Und doch kommt mir in diesem Kontext die Frage in den Kopf, ob sich die Menschen heute schlichtweg nicht mehr nach tiefgehenden, langfristigen und soliden Bindungen sehnen. Nach dem Echten. Ob der Reiz des Neuen und der Unabhängigkeit tatsächlich so stark sein kann, wie das Gefühl, mit einem Menschen wirklich tief und echt und ehrlich verbunden zu sein. Die traurige Antwort lautet: Anscheinend schon.

Ich weiß nicht, ob sich diese Menschen niemals verlieben oder ob sie, wenn sie es denn tun, es einfach ignorieren. Oder ob sie, wenn auch sie von ihren Gefühlen tatsächlich übermannt würden, den Mut hätten, sich einzulassen. Sich verletzlich zu machen. Sich zu öffnen und zu zeigen, dass hinter den fröhlichen Selfies und perfekt inszenierten Instagram-Fotos vielleicht auch unschöne Dinge stecken. Denn auch diese Dinge können in echten Beziehungen nicht einfach blockiert werden. Die Sehnsucht nach tiefgehender Bindung wird davon überschattet, dass sie stets die Verletzlichkeit an ihrer einen Hand und an der anderen ein mögliches Scheitern hält. Und Scheitern ist für die heutige Generation zu einem Fremdwort geworden. Mit ihren eigenen Verletzlichkeiten und Schwächen umgehen zu können und konfrontiert, scheinen nur noch die Wenigsten gelernt zu haben. Da sie für den Test somit nicht vorbereitet sind, treten sie erst gar nicht an. Schließlich ist die Alternative auch so viel einfacher: Bevor es zu schwierig wird, wird einfach ein neues Spiel begonnen. So werden zwar nur die einfachen Levels durchgespielt, aber es muss auch kein Endgegner befürchtet werden.

Manchmal wundere ich mich selbst, woher ich die Kraft nehme, doch immer wieder aufzubrechen. Auf der Suche nach dem Echten, die so vergebens scheint. Das Misstrauen, das aus den zahlreichen Erfahrungen der vergangenen Jahre gewachsen ist, wiegt schließlich mittlerweile so schwer, dass ich kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen kann. Manchmal wird mir bei der Suche übel, manchmal muss ich fast ein wenig lachen, wenn ich merke, wie viel Potential ich in Menschen gesehen habe, die im Rückspiegel nur noch wie Karikaturen der Menschen wirken, die sie so gerne sein wollen.

Und, wenn das Echte dann doch vor mir stehen sollte – würde ich es überhaupt noch erkennen? Oder würde sich nicht mein Misstrauen groß und breit vor ihm auftürmen, sodass ich einfach abwinken, die Lippen zusammenpressen und weitergehen würde? Würde ich vielleicht auch, ohne es zu merken, nur noch auf der Suche nach der nächsten Beute sein, dem nächsten Kick, der nächsten Karikatur von dem, was sein könnte?

Ich weiß es nicht. Ich scheine weniger zu wissen als je zuvor, trotz der unendlichen Bandbreite an Informationen und Erfahrungswerten, die zur Verfügung stehen. Das hat Egoland wohl so an sich: Zu viel von allem und doch viel zu wenig.

 

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