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Dating am Fließband – Wieviel Produktivität verträgt die Suche nach der Liebe?

Tinder hat die Effizienz und die Produktivität des Datings maximiert. Es braucht im Schnitt vielleicht eine gute Viertelstunde, bis ein einigermaßen passendes Antlitz auf dem Bildschirm erscheint, das nicht innerhalb einer Millisekunde nach links gewischt wird. Was dann folgt?

Warten auf die erste Nachricht – selbst den ersten Schritt zu machen, wäre definitiv ein zu großer Energieaufwand, zumindest, wenn das besagte Antlitz einen nicht völlig von den Socken haut.

Dann ein – natürlich in Charme und Witz klug verpacktes – Abfragen der relevanten Stichpunkte: Beruf, Größe, Hobbies. Nebenbei wird eine Rechtschreib- und Grammatikprüfung vorgenommen, auf die Microsoft Word neidisch wäre. Passen die abgefragten Fakten, was durchaus selten vorkommt, können weitere zeitliche Ressourcen investiert werden. Tauchen auf im weiteren Verlauf des Gesprächs keine unüberwindbaren Differenzen in Geistes- und Lebenseinstellungen auf, könnte es sogar zu einem Treffen kommen. So richtig ohne Handy-Display dazwischen, hinter dem wir unsere eigenen Schwächen und Punkte, die so gar kein Traumpartner-Potenzial haben, wunderbar verbergen können.

Links, links, links, rechts – neues Match. Es geht alles so super schnell, mittlerweile habe ich einen regelrechten Scanner-Blick entwickelt. Die Beurteilung eines Profils dauert nicht länger als zehn Sekunden. Überzeugen die Fotos und bestehen nicht nur aus Ray-Ban Sonnenbrille und Gym- und Couch-Selfie, werden ein paar Sekunden Aufmerksamkeit dem Profiltext gewidmet. Pseudo-lustige Sprüche, die auf jedem dritten Profil zu finden sind? Raus. Orthografiefehler? Raus. Zu ernsthafte Beschreibung? Raus. Bringst du mich mit dem Text wirklich zum Lachen? Rein.

Alles geht außerordentlich produktiv von statten. Dating at its best. Tinder bietet ungeahnte Möglichkeiten, die eigene Must-Have-Charakter- und Optik-Liste in Eiltempo abzuarbeiten. Kann ich zufrieden viele Häkchen auf die Listen setzen, bin ich bereit, meine wertvollsten Ressourcen zu investieren: Zeit und Interesse.

Es kommt also zu einem Date. Da ich die ganze Sache so strukturiert und gut überlegt angegangen bin, sollte das Risiko eines Misserfolges im überschaubaren Rahmen bleiben. Und dann steht da ein echter Mensch vor dir, live und in Farbe. Es ist durchaus eine große Schnittmenge mit der Optik der Bilder, die mich zuvor auf der Effizienz-App überzeugt haben, vorhanden. Und dann? Dann ist er einfach nicht da. Der Klick. Nichts. Kein Klick und keine Anziehung. Wie kann das denn bitte sein? Es hat doch alles gepasst – diesmal wirklich.

Und genau da liegt die Krux. Wir können so viele Listen abhaken wie wir wollen. Wir können Apps nutzen, die es uns ermöglichen, den potentiellen Traumpartner in weniger als zehn Minuten zu finden. Doch eine Zufriedenheits-Garantie? Die geben uns diese Apps wie Tinder & Co. nicht. Wir sehen auf dem kleinen Profil nicht, wie dieser Mensch sich bewegt, wir vernehmen nicht den Klang seiner Stimme oder seinen Geruch.

Dabei sind dies genau die Dinge, die den Klick ausmachen. Die Dinge, die wir einfach nicht beschreiben können. Bei denen wir nicht wissen, warum sie uns gefallen. Und das Ende vom Lied? Am Ende vom Lied vergeben wir unser Herz an diejenigen, die auf unserer Liste kein einziges Häkchen sammeln hätten können. Ganz im Gegenteil: An diejenigen, bei denen unsere Hand vor den ganzen „X“ kurz vor der Sehnenscheidenentzündung gestanden hätte. Die schon von ganz weit weg mit ihren roten Fahnen gewunken haben.

Und warum ist das so? Eben weil die Suche nach den ganz großen und einzigartigen Gefühlen rein gar nichts mit Effizienz oder Produktivität zu tun hat. Natürlich können wir mit Hilfe der technischen Möglichkeiten eine riesige Zahl an potentiellen Partnern, ob nur für einen Tag oder ein Leben, in Sekundenschnelle abscannen. Passt einer nicht, wird einfach schnell weiter geswiped. Und selbst, wenn es ein bisschen passt und durchaus Potential vorhanden wäre, wenigstens kurz- bis mittelfristig eine gute Zeit zu verbringen, so swipen wir trotzdem weiter – nur so ein bisschen, vielleicht wartet auf dem nächsten Profil ja doch noch der absolute Hauptgewinn.

Was macht das mit uns? Das kommt wohl ganz auf den Menschen an. Grundsätzlich lässt es uns aber abstumpfen. Es lässt uns das Gefühl dafür verlieren, worauf es ankommt. Das Gefühl dafür, dass in einigen Bereichen des Lebens eben doch nicht die Produktivität und Effizienz zählt. Auf den minimalen Aufwand für das bestmögliche Ergebnis.

Und irgendwie ist da doch nach jedem Kennenlernen, nach jedem Date, das die Erwartungen nicht erfüllen konnte, nicht so verlaufen ist wie erhofft, oder nur kurze Zeit später mit einem „Nevermind“ kommentiert wird, dieses Gefühl. Dieses kleine nagende Gefühl in der Brust, dass es irgendwie scheiße ist – selbst dann, wenn uns das Gegenüber selber gar nicht gefallen hat. Das kleine Gefühl ruft uns erst leise, dann immer lauter „Schon wieder nicht“ zu. Ein Häkchen für den Misserfolg.

Wir denken, dass, wenn wir nur wissen was wir wollen, einfach Erfolg haben müssen. Dass wir einem Plan folgen können, aus unseren schmerzhaften Erfahrungen gelernt haben und unser Herz und das, was es tun soll, kontrollieren können. Das können aber weder unserer Listen noch unser Kopf.

Denn im Endeffekt swiped unser Herz, wie es will. Es hat keine Rechts-Links-Schwäche und weiß genau, wann der richtige Moment für ein Superlike ist. Das ist zwar noch lange keine Garantie für einen Erfolg und das ersehnte „Happily Ever After“, aber wenigstens ist da dann kein Gefühl, dass „Schon wieder nicht“ murmelt.

Stattdessen ist dann da das Gefühl, dass dir zeigt, wo der Unterschied liegt. Was der Klick ausmacht. Nämlich das, worauf es ankommt. Schließlich möchten wir alle nicht irgendeinen Menschen. Wir möchten den einen. Und der klickt. Ganz laut.

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